Jutta Grell

CLIMATE HEROES IN CLASSROOMS

Wie werden Lehrer*innen zu Klimaheld*innen in ihren Klassenzimmern? In der Rubrik Climate Heroes in Classrooms stellen wir Lehrer*innen vor und zeigen, wie sie den Klimaschutz nicht nur in den Unterricht integrieren, sondern auch darüber hinausgehen, um ihre Schüler*innen zu aktiven Gestaltern einer nachhaltigen Zukunft zu machen. Im Interview erzählt uns Jutta Grell, wie sie zur Klimabewegung gekommen ist und lässt uns an ihrem unermüdlichen Engagement für einen besseren Planeten teilhaben.

Wer bist du, an welcher Schule unterrichtest du und welche Fächer?

Ich heiße Jutta Grell, bin Mutter dreier erwachsener Kinder, Omi dreier Enkel, Künstlerin und Lehrerin. Seit 2002 unterrichte ich am Karl-Friedrich-Gymnasium Mannheim, meine Fächer sind Kunst, Deutsch und Theater.

Wie bist du zur Klimabewegung gekommen? Gab es dabei einen emotionalen Wendepunkt?

Vorab:

Klimabewegung und Demokratie bedingen einander. Deshalb ist aktuell auch das Verteidigen und LEBEN für unsere Demokratie das Wichtigste. Der Kampf gegen den Neofaschismus, sprich gegen die AfD, die weder Menschenrechte noch den Erhalt der Natur zum Ziel hat, steht jetzt im Vordergrund. Ohne Demokratie keine Klimabewegung.

Mein Weg zur Klimabewegung:

Als Kind prägten mich die sozialen Aktivitäten meiner Mutter in der Kirchengemeinde, sie betreute z.B. eine sozial schwache Familie, zu der sie mich immer wieder mitnahm. Zurück zu Hause konnte ich dann unseren Wohlstand kaum fassen: Kein Schimmel an den Wänden, keine bedrückende Enge, sondern eine großzügige helle Wohnung, frisches Obst in der Schale, ein Blumenstrauß auf dem Tisch. Auch die vielen Brot für die Welt-Aktionen der Gemeinde machten mir schon früh meine Privilegien bewusst. 

Parallel dazu waren der Holocaust, Demokratie und Menschenrechte Dauer-Thema, meine Eltern lasen uns z.B. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ vor und wir wussten, dass mein Vater sich in der SPD engagierte, weil er das Erstarken der NPD verhindern wollte. Das Gefühl großer Schuld begleitete mich früh – und tut es bis heute. Schuld, meinen Wohlstand zu leben auf Kosten anderer Menschen. Das Bewusstsein, dass Grundrechte und freie Wahlen ein kostbares Gut sind. 

Als Jugendliche in den 80er Jahren war ich in der Umwelt-, Eine-Welt- und Friedensbewegung aktiv und „zu Hause“, – fühlte mich in der Konsumgesellschaft und unter den meisten Gleichaltrigen als Alien, gehörte zu den sogenannten „Müslis“ oder „Alternativen“, deren Anti-Mode aus gefärbten Latzhosen, Batik-Shirts, selbst gestrickten sackartigen Pullis, Second-Hand-Mänteln und Birkenstock-Clogs bestand und erntete genervtes Kopfschütteln, wenn ich in meiner Klasse für Hefte und Kollegblöcke aus „Umweltschutzpapier“ warb.

Dass der irrsinnige Konsum so nicht weitergehen könnte, spürte ich sehr deutlich, dachte, dass die unüberschaubar große Auswahl ähnlicher Produkte z.B. in den Supermärkten in Zukunft sicher nicht auf Dauer weiter angeboten, v.a. aber auch gar nicht nötig sein würde. 

Unsere Themen in den 80ern waren der saure Regen/das Waldsterben, Müll generell, die zunehmende Versiegelung von Böden, u.a. durch die sogenannten „Flurbereinigungen“ und die atomare Bedrohung, sowohl durch zivile Nutzung, AKWs/Endlagerung und Wiederaufarbeitungsanlagen, als auch militärisch, das atomare Wettrüsten und der drohende atomare Winter. 

Der Super-Gau in Tschernobyl 1986 stellte eine krasse Cäsur dar, ich machte gerade Abi: Reale Bedrohung durch atomaren Fallout in ganz Europa, verstrahlter Sand auf Kinderspielplätzen, verstrahlte Pilze im Wald noch viele Jahre lang, das Stichwort Halbwertszeit in aller Munde. Jahrzehnte lang verseuchtes Gebiet um Kiew, Krebs und Fehlbildungen bis heute, auch bei den Nachgeborenen.

Als Mutter/Studierende/Referendarin ab Anfang der 90er Jahre versuchte ich, in und mit meiner Familie Nachhaltigkeit im Alltag zu leben und brachte mich in den Jahren, in denen ich ganz bei meinen Kindern war, aktiv in die Kita ein, u.a. mit diversen Pflanzaktionen. Neues Thema wurde das Ozonloch,- doch heute ist das Thema FCKW zum Glück abgehakt: Eine globale Hoffnungsgeschichte. Wir Menschen können zusammenhalten und die richtigen Weichen stellen!

2015 öffneten mir das Pariser Abkommen und der Kino-Film Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen“ noch einmal ganz neu die Augen: Ich begriff die Klimakrise in ihrer globalen Dimension, das war definitiv ein emotionaler Wendepunkt, der in zwei Richtungen ging: Entsetzen und Hoffnung. Der Publikation „Vom Ende des Wachstums“, obwohl ja schon 1972 veröffentlicht, begegnete ich erst über diesen Film.

„We already have all the facts and solutions. All we have to do is to wake up and change”, so Greta Thunberg in ihrer Rede „Declaration of Rebellion“ in London am 31. Oktober 2018.  Diese wache mutige Schülerin wurde für mich zur Ikone und blieb das jahrelang. Bis sie am 7.10.23 leider zum bestialischen Überfall der Hamas auf Israel schwieg. Seither distanziere ich mich von ihr und folge Luisa Neubauers Linie. 

Im Sommer 2019 war ich allein auf meinem 1. Mannheimer Klimastreik und traf Interessierte, die eine Parents for Future-Gruppe gründen wollten. Im Herbst 2019 war es so weit:  Wir gründeten die ParentsPeople4F Mannheim

Mit meinem Mann auf der Klima-Demo Mannheim im September 2019. Unsere beiden Schilder reisten mit Tausenden anderen während des 1. Lockdowns nach Berlin und wurden dort vor dem Bundestag als Corona-gemäße Klima-Demo ausgelegt.

Im September 2023 war ich auf der Tagung der Teachers For Future Germany in Mainz und erlebte im Hörsaal eine Keynote zum Thema „Lehrerin sein in der Klimakrise“,- für mich ein krasser emotionaler Wendepunkt. Dass unser momentaner Weg auf die 4°C zusteuert und was das für die Zukunft meiner Kinder, Enkel und Schüler*innen bedeuten wird: Riesige unbewohnbare Gebiete auf der Erde, unfassbar große Geflüchteten-Bewegungen, bürgerkriegsartige Verteilungskämpfe. Ich hatte einen kleinen emotionalen Zusammenbruch, wurde jedoch mit meinen Emotionen angenommen und aufgefangen. Und nun bin ich angekommen in der wunderbaren bunten Teachers-4F-Community, habe mein „Lehrerinnen-Zuhause“ gefunden, bin verbunden und werde supportet. 

Warum bist du für das Klima aktiv, welche Notwendigkeit/Dringlichkeit siehst du? 

Ich bin für Menschenrechte, Demokratie und das Klima aktiv, um für eine lebenswerte Zukunft für die Erde und all ihre Mitbewohner*innen – Flora, Fauna, Menschen – zu kämpfen – im Kleinen wie im Großen.

Da wir aktuell sechs der neun planetaren Grenzen schon überschritten haben, ist die Dringlichkeit extrem hoch. Immer wieder muss ich gegen Gefühle der Wut und der Ohnmacht ankämpfen, wenn ich sehe, welche Macht die die Fossil- und Autolobby im reichen Deutschland – immer noch! – hat, und, wie sie konkrete Lösungen blockiert oder zum Verschleppen oder Aussetzen der für eine lebenswerte Zukunft notwendigen Maßnahmen beiträgt. Hier macht sich in der aktuellen Regierung besonders die FDP schuldig. Doch das Wichtigste ist für mich in diesem und dem kommenden Jahr, alle Kraft in unsere Demokratie zu stecken, um das grauenvolle Desaster, das die fossilgeleitete, demokratie- und menschenverachtende AfD anrichten will, zu verhindern.

Wie integrierst du selbst dein Klimabewusstsein in deinen privaten, aber auch beruflichen Alltag? 

Künstlerisch: Eine meiner Abschlussarbeiten im Fach Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe war ein Großformat mit dem Titel „Erdhorcherin“,- sicher mein wichtigstes Gemälde überhaupt -, angeregt durch die Begegnung mit Aborigine-Künstlerinnen in Yuendumu 1990. Zum 30.Jahrestag der Wiedervereinigung zeigten mein Mann und ich als Kunst-Duo „Lore&Bernd“ in Installation, Malerei, Grafik und Fotografie ökologische und soziale Kipppunkte und performativ deren Heilung auf. 

Lore&Bernd vor Kippunkte-Mindmap, in Ausstellung „Kipppunkte“ November 2020

Privat: Im Alltag versuche ich klimabewusst zu leben durch vegane Ernährung, meinen Bio-Garten und das tägliche Rad fahren (Reduzierung meines Fußabdrucks). 

Beruflich-künstlerisch: In meinen Schul-Alltag baue ich Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)-Einheiten in meinen Kunst- und Theater-Unterricht ein – im Moment in enger Zusammenarbeit mit euch, dem Klimacampus Berlin, was mich sehr erfüllt. Auf struktureller Ebene würde ich künftig gerne als BNE-Multiplikatorin an meiner Schule tätig sein, um die Methode des Handabdrucks zu implementieren. 

Politisch bin ich aktiv auf Demos und Kundgebungen. 

Was braucht es deiner Meinung nach, damit mehr Menschen für den Klimaschutz aktiv werden?

Damit mehr Menschen für den Klimaschutz aktiv werden, müssen wir Hoffnung spendende Narrative und Handlungsmöglichketen verbreiten, da sehe ich die Schule und die klassischen und neuen Medien gleichermaßen in der Pflicht. Die Medien müssten unbedingt das Gelingende und, v.a. auch schon Gelungenes der Ampel-Koalition kommunizieren: Good News! 

Auch müssen wir uns die verschiedenen Klima-Kommunikationstypen klarmachen – nach climate outreach: die Offenen, die Etablierten, die Involvierten, die Pragmatischen, die Enttäuschten, die Wütenden – und entsprechend angemessen und auf Augenhöhe auf die Menschen zugehen. Hier sehe ich ein Manko der Klimabewegung und der Demos: Da empfinde ich die am Rande Zuschauenden als ausgegrenzt – da brauchen wir viel mehr Fantasie, um alle mit ins Boot zu holen. 

Welchen Rat würdest du jungen Menschen geben, um sich mehr für den Klimaschutz zu engagieren?

Aktiv werden, sich mit anderen verbinden und etwas tun, erfüllt dich und tut dir nicht nur gut, sondern macht sogar Spaß!  Der erste Schritt ist umfassende Information, das ist erst mal nicht sehr spaßig, doch sich im 2.Schritt den eigenen Zukunfts-Emotionen zu stellen und diese dann in einem 3.Schritt in Handlungen umzuwandeln, wird dir eine ganz neue Kraft und Energie verleihen! 

Was forderst Du von der Politik, damit du dich, aber auch deine Schüler*innen sich mit dem Einsatz für den Klimaschutz wertgeschätzt und ernstgenommen fühlen? 

Ich fordere von der Politik, dass sie den Klimanotstand ausruft und alles Notwendige tut, um diesen sozial verträglich zu beheben. German Zero und viele andere haben Wege und konkrete Gesetze vorbereitet – die Lösungen für die nötige Transformation liegen auf dem Tisch. 

Dazu muss die Regierung eine professionelle Kommunikations- und Aktions-Kampagne starten in mindestens dem Umfang, wie das zu Corona-Zeiten passierte, von Bürger*innen-Räten begleitet und unterstützt. Die Menschen sind fähig und willens, das Gute und Richtige für die Zukunft zu tun, doch sie brauchen solide sachliche Information und einen klaren konkreten Plan, der sie und ihre Ängste ernst und wahr nimmt und der sie nicht überfordert. 

Ängste ernst nehmen, konkrete Lösungen benennen und den Weg dahin anbahnen und dadurch Ängste nehmen: Da steht die Bundesregierung in der Pflicht!, statt, wie bisher, Ängste von den Neofaschisten schüren zu lassen und von ihnen das Feld der Emotionen beackern zu lassen.

Nenne uns deine Utopie für eine klimagerechte Welt.

Meine Utopie von einer klimagerechten Welt baut darauf, dass wir alle und weltweit die 17 SDGs anpacken und bis 2030 umgesetzt haben. Wir sind global befriedet und Mutter Erde ist unsere wichtigste Lehrerin, so, wie es Robin Wall Kimmerer in „Geflochtenes Süßgras“ poetisch und berührend beschreibt: indigenes Wissen in Verbindung mit aktueller Wissenschaft. Schulen sind Treibhäuser der Zukunft. Wirtschaft und Landwirtschaft agieren in gut organisierten Kreisläufen, KI-unterstützt, Müll existiert nicht mehr, denn alle Materialien gelten als Ressource. 

Wir werden uns Menschen – v.a. wir entwurzelten Europäer*innen! – als Teil der Natur wieder entdeckt haben. Sie spüren. Demütig werden. Dankbar. Mutter Erde ehren, ihr dienen, tagtäglich. In Verbundenheit mit allen Menschen und in Einklang mit der Natur leben. 

Empfehlenswerte Seiten von Jutta:

Konstruktiver Journalismus:

https://perspective-daily.de

https://krautreporter.de/zusammenhaenge

Geschichten des Gelingens:

https://futurzwei.org

Zukunftsbilder:

https://zukunftsbilder.net/

Kunst: 

https://www.kuma.art/de/ausstellungen/15-grad

Mehr Dazu?

  • Johanna Klima Campus Beirat