Klimagerechtigkeit in Uganda: Louis im Interview

Ein Gespräch mit Ninsiima Louis

Klimawandel ist meistens abstrakt: Grafiken, Prozentzahlen, ein Grad mehr oder weniger. Aber irgendwo sitzt dahinter immer ein echter Mensch mit einer echten Geschichte. Ninsiima Louis ist einer von ihnen. Er lebt in Kampala, Uganda, arbeitet in der juristischen Forschung zu Umweltrecht und Klimagerechtigkeit. Seine Familie musste die Kaffeeplantage aufgeben, auf der er aufgewachsen ist, weil eine Hitzewelle den Boden unbrauchbar machte.

Was das mit uns in Deutschland zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn die Luft, die wir hier atmen, ist dieselbe wie in Ostafrika und Emissionsgeschichte kennt keine Landesgrenzen. Im Gespräch erzählt Louis, was sich in seiner Umgebung konkret verändert hat, was Klimagerechtigkeit für ihn bedeutet und was er jungen Menschen in Deutschland sagen würde, wenn er nur einen Satz hätte.

Kannst du uns kurz etwas von dir erzählen?

Louis: Mein Name ist Ninsiima Louis. Ich lebe in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, bin im Luweero-Distrikt aufgewachsen, den ich vor gut zehn Jahren verlassen habe.

Meine Verbindung zum Klimathema ist sowohl persönlich als auch beruflich: Meine Familie hatte eine Kaffeeplantage in Luweero, und eine lang anhaltende Hitzewelle mit Trockenperiode im Jahr 2016 machte das Land für den Anbau unbrauchbar. Wir mussten schließlich umsiedeln.

Beruflich arbeite ich in der juristischen Forschung mit Fokus auf Umweltrecht und Klimagerechtigkeit, unter anderem zur Frage, wie Ökozid nach Ugandas National Environment Act unter Strafe gestellt werden kann, sowie an einer Studie zu Klimaklagen als Strategie für Klimagerechtigkeit in Uganda. Außerdem bin ich beim Vash Green Schools Project engagiert, das Solarpanels und umweltfreundliche Kochstellen in abgelegenen Schulen installiert.

Was verändert sich durch den Klimawandel ganz konkret in deinem Alltag oder deiner Nachbarschaft?

Louis: In Uganda gab es schon immer zwei klar getrennte Jahreszeiten – Trocken- und Regenzeit – die sich über vier deutlich abgrenzbare Perioden im Jahr verteilten. In etwa den letzten zehn Jahren ist dieses Muster unzuverlässig geworden. Der Regen ist heftiger und unregelmäßiger geworden. Er bringt Überschwemmungen, Erdrutsche, Schlammlawinen und Sturzfluten, die es im Alltag meiner Kindheit so nicht gab. In der Trockenzeit erleben wir heute Hitzewellen und längere Trockenperioden. Es war ein schleichender Prozess, aber im Vergleich zu vor zehn Jahren ist die Hitze extremer, der Regen heftiger, wenn er kommt. Die Monate, die früher zuverlässig Regen brachten, bringen manchmal stattdessen verlängerte Trockenperioden, oder umgekehrt.

Das klarste Beispiel aus meinem eigenen Leben: 2016 trafen eine Hitzewelle und eine lange Trockenperiode Luweero, wo die Kaffeeplantage meiner Familie lag. Kaffee ist eine der wichtigsten Cash Crops Ugandas, und unser Haushalt war davon abhängig. Die Trockenperiode war so lang, dass der Boden die Pflanzen selbst nach erneuter Aussaat nicht mehr tragen konnte – bestehende Pflanzen verwelkten und trugen keine Bohnen mehr. Am Ende mussten wir das Land verlassen. Die Plantage wurde schließlich verkauft, und meine Familie musste sich eine andere Existenzgrundlage suchen.

Wo siehst du eine direkte Verbindung zwischen dem, was in Deutschland konsumiert oder produziert wird, und dem, was bei dir passiert?

Louis: Vereinfacht ausgedrückt: Die Hitze- und Regenmuster, die die Kaffeefarm meiner Familie getroffen haben, sind Teil eines viel größeren Bildes. Der ganze Planet teilt sich eine Atmosphäre, und was an einem Ort passiert, bleibt nicht dort. Deutschland industrialisiert sich schon sehr lange, und diese Geschichte bedeutet, dass es zu den Ländern mit dem historisch größten Anteil an den Emissionen gehört, die heute in unserer gemeinsamen Atmosphäre sind. Dabei geht es nicht darum, Einzelnen einen Vorwurf zu machen. Das ist einfach die Realität, wie Industrialisierung weltweit ablief, Jahrzehnte bevor die meisten von uns überhaupt geboren wurden.

Was ich aber möchte, ist, dass Menschen den Zusammenhang verstehen: Die Luft über Deutschland und die Luft über Uganda ist dieselbe. Entscheidungen über Energie, Industrie und Alltag, die irgendwo getroffen werden – auch in Deutschland – prägen tatsächlich, was Bäuer*innen wie meine Familie auf der anderen Seite der Welt erleben. Ich sage das nicht, um Einzelnen die Schuld zuzuweisen, sondern weil das Verständnis dieser Verbindung der erste Schritt ist, um sich dafür zu interessieren und weil genau die Länder mit dieser Geschichte auch die reale Möglichkeit haben, bei Lösungen voranzugehen.

Was bedeutet Klimagerechtigkeit für dich persönlich?

Louis: Für mich verbindet das Persönliche mit dem Rechtlichen: Meine eigene Familie hat Land und Lebensgrundlage durch eine Hitzewelle verloren, die wir nicht verursacht haben, und meine juristische Arbeit – zur strafrechtlichen Erfassung großflächiger Umweltschäden, zum Schließen von Durchsetzungslücken im National Environment Act, zu Klagen als Strategie, wenn Verwaltungs- und politische Wege versagen – stellt im Grunde dieselbe Frage auf systemischer Ebene. Klimagerechtigkeit bedeutet für mich Rechenschaftspflicht, die diejenigen erreicht, die den Schaden tatsächlich verursachen, nicht nur Abmilderung für diejenigen, die ihn erleiden. Es geht nicht nur um Emissionsreduktion, sondern auch darum, wer Zugang zu Recht bekommt, wenn Umweltschäden entstehen, und wer die rechtliche und praktische Last trägt, sie zu beweisen und mit ihnen zu leben.

Was bedeutet Selbstwirksamkeit für dich?

Louis: Ich sehe das bei mir auf zwei Ebenen. Lokal ist ein Großteil des sichtbaren Engagements jugendgeführt: Klimabildungsprojekte an weiterführenden und Grundschulen, Umweltclubs, schulisches Material zum Klimawandel, und Community-Leiter*innen, die Schüler*innen helfen, sich selbst als Teil der Lösung zu sehen – bis hin zu dem, was sie persönlich tun können. Es gibt außerdem Solarpanel-Installationen, Baumpflanzprojekte und Projekte zur Installation von Kochstellen, die Energiearmut an ländlichen Schulen angehen, die noch auf traditionelle Dreisteinfeuer setzen. Das hängt direkt mit dem Vash Green Schools Project zusammen, in dem ich mitarbeite und das Solarpanels und umweltfreundliche Kochstellen in abgelegenen Schulen installiert.
Auf der anderen Ebene bedeutet Selbstwirksamkeit für mich, an der rechtlichen Struktur selbst zu arbeiten. Die Arbeit zur Kriminalisierung von Ökozid, weil individuelles und gemeinschaftliches Handeln ein Rechtssystem braucht, das das auch trägt.

Welche Fragen stellen dir Schüler*innen am häufigsten, und was überrascht dich manchmal?

Louis: Die Fragen sind wirklich gemischt: Manche wollen die praktische Seite wissen, bspw. wie sich Regenmuster verändern, Überschwemmungen, wie sich eine Trockenzeit im Alltag tatsächlich anfühlt. Manche wollen einfach direkt mein Leben sehen: Wie sieht mein Zuhause aus, wie sieht eine Farm aus, habe ich Fotos. Dabei ist bemerkenswert, wie viel ein Bild bewirkt, was zehn Minuten Erklärung nicht schafft. Am meisten überrascht mich aber, wie oft die Fragen mitten im Gespräch persönlich und ein bisschen unerwartet werden. Von „Was ist mit dem Land deiner Familie passiert“ bis, mehr als einmal, etwas völlig Themenfremdem und Lustigem, wie einer Frage nach meinem Lieblings-Anime. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass es zuallererst Teenager sind und dass die Ernsthaftigkeit des Themas nicht bedeutet, dass das Gespräch die ganze Zeit schwer bleiben muss. Es gab auch schon Schüler*innen, die danach mit eigenen Ideen zurückkamen statt nur mit Fragen: Plastikflaschen recyceln, Müll trennen statt ihn zu verbrennen. Das war einer der ermutigendsten Momente: Die Gespräche gehen nicht nur in eine Richtung.

Was verstehen deutsche Teenager oft falsch über deine Alltagsrealität? Wie klärst du das im Gespräch?

Louis: Das Größte ist wohl, „Uganda“ oder „Klimafolgen“ als eine flache, einheitliche Geschichte zu behandeln, als hätte jede Person im Land dieselbe Erfahrung. Es gab Schüler*innen, die mir direkt gesagt haben, sie wollten weniger von der breiten „alle Ugander:innen“-Rahmung und mehr von meiner eigenen, konkreten Geschichte. Meiner Erfahrung nach ist das genau richtig. Ich kläre das immer auf dieselbe Weise: indem ich Dinge in der Geschichte meiner eigenen Familie verankere, statt für ein ganzes Land zu sprechen, und indem ich, wo möglich, Fotos zeige – vom tatsächlichen Ort und den tatsächlichen Bedingungen, nicht von einer allgemeinen Vorstellung von „Afrika“ oder der „Dritten Welt“.
Ich habe auch bemerkt, dass sich das Denken über Verantwortung verändert, sobald Schüler*innen eine persönliche Geschichte hören. Einige haben mir erzählt, dass es sie dazu gebracht hat, darüber nachzudenken, wie stark industrialisierte Länder zu der Situation beigetragen haben, von der sie jetzt aus erster Hand hören. Diese Verbindung zwischen der Geschichte einer konkreten Person und einer systemischen Ursache scheint deutlich besser anzukommen als Statistiken allein.

Wenn du nur eine Botschaft an junge Menschen in Deutschland senden könntest?

Louis: Wartet nicht auf die große Geste. Die Schüler*innen, die dabeigeblieben sind, waren die, die mit kleinen, konkreten Ideen zurückkamen, nicht die, die sich überwältigt gefühlt haben und dann aufgehört haben. Diese kleinen Entscheidungen sind mit etwas viel Größerem verbunden: dem System und Industrien in wohlhabenderen Ländern, die die Krise geprägt haben, die Menschen wie meine Familie gerade durchleben. Ihr müsst dieses ganze System nicht allein reparieren. Fangt mit dem an, was tatsächlich vor euch liegt, bleibt neugierig auf die Menschen, die die Krise direkt betrifft, und lasst euch von der Größe des Problems nicht von der Größe dessen abhalten, was ihr tatsächlich tun könnt.


Ein großes Danke an Louis für seine Offenheit und dafür, dass er seine Geschichte mit uns teilt und an Climate Stories für die Vermittlung dieses Gesprächs. Genau solche Begegnungen zeigen: Klimagerechtigkeit ist kein abstraktes Konzept, sondern eine geteilte Atmosphäre und eine geteilte Verantwortung, die überall dort beginnt, wo wir gerade stehen.

Dieser Beitrag wird gefördert durch das Programm für Entwicklungspolitische Bildung und Öffentlichkeitsarbeit (DEAR) der Europäischen Union. Für 
den Inhalt ist allein mycelia gGmbH verantwortlich. Die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt der Europäischen Union wieder.

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